what about critical whiteness?

„Unterschiedlichste Befreiungsbewegungen haben in den letzten 100 Jahren die Selbstwahrnehmung zuvor marginalisierter Gruppen, das Zusammenleben in westlichen Gesellschaften sowie deren Beziehungen zum Trikont von Grund auf verändert. Feminismus in den Metropolen, Antikoloniale Bewegungen im besetzten Süden sowie das Civil Rights Movement haben als transformative Kräfte tiefgreifenden Wandel angestoßen. Eine der wichtigsten Errungenschaften dieser vielfältigen Bewegungen ist die Einsicht, dass Identitätskategorien wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Nationalität oder soziale Klasse nicht essentiell sind. Noch vor kurzer Zeit wurden Einteilungen dieser Art nicht nur zu einer gesellschaftlichen Hierarchisierung bestimmter Gruppen genutzt, sondern darüber hinaus auch zur Zuschreibung von körperlichen und charakterlichen Merkmalen. Auch wenn sich der aktuelle gesellschaftliche Diskurs und die an UN-Richtlinien orientierten Gesetzgebungen darum bemühen, die negativen Auswirkungen solcher Einteilungen zurück zu nehmen und Identitätszuschreibungen zu dekonstruieren, existieren Vorstellungen von einer festen Identität weiter.
Oftmals unangetastet in der Analyse bleibt ein Aspekt von Identität, der sich geschichtlich und gesellschaftlich wohl am umfassendsten eingeschrieben hat: das Weißsein.
Die Kritische Weißseins-Forschung (ursprünglich aus dem Amerikanischen: Critical Whiteness Studies) versucht, den Ursprung und die verschiedenen Aspekte des Rassismus von einer anderen Seite zu beleuchten, indem sie die Ausgrenzenden anstelle der Ausgegrenzten in den Mittelpunkt des Diskurses rückt. Dabei geht es nicht darum, Menschen aufgrund ihrer äußeren Merkmale verschiedenen Gruppen zuzuordnen, sondern darum, die Realität, in welcher dies tatsächlich geschieht, zu denunzieren, auf strukturelle Hierarchien aufmerksam zu machen und dabei Weißsein als Konstruktion zu entlarven.

In der Rassismusforschung stehen die Begriffe Weiß und Schwarz nicht etwa für Hautfarben, sondern werden als soziale Konstruktionen verstanden. Sie beschreiben die Positionen, die Individuen innerhalb einer Gesellschaft zugeschrieben werden. Weißsein bezeichnet die privilegierte Position derjenigen, die von einer durch Rassismus geprägten Realität strukturell profitieren. Weißsein wird im Allgemeinen nicht benannt oder markiert. Es bleibt unsichtbar und wird von Weißen Menschen unbewusst als „Norm“ wahrgenommen, der alles davon Abweichende gegenüber gestellt wird.
Darüber hinaus geht mit dem Weißsein eine Vielzahl von Privilegien einher, die aber von den betroffenen Personen meist nicht als solche identifiziert, sondern als selbstverständlich betrachtet werden.
Das Phänomen der „Colorblindness“ trägt weiter dazu bei, dass jene Privilegien verdeckt und geschützt werden, indem der Dialog über rassifizierte Identität mit dem Argument untergraben wird, es gäbe keine Unterschiede zwischen Menschen. Dies widerspricht jedoch der Lebensrealität von People of Color, die innerhalb des Machtgefüges eine weniger privilegierte Stellung einnehmen.

Beschreibt der Begriff des Weißseins eine Strukturkategorie, so handelt es sich bei dem aus dem US-Amerikanischen stammenden Begriff People of Color hingegen um ein Mittel zur Selbstermächtigung und wird den Worten „Nicht-Weiß“ Bzw. „Minderheit“ vorgezogen, da es eine inkludierende, aber dennoch positive Konnotation hat. Die Eigenbenennung bedeutet eine Intervention. Dieser und anderen Interventionen soll in der Arbeitsgruppe nachgespürt werden, denn erst die genauere Betrachtung derselben, macht eine Repositionierung möglich.

Eine der wichtigsten theoretischen Erkenntnisse der Kritischen Weißseins-Forschung ist die Tatsache, dass die Identitätskonstruktion „Weiß“ und deren politische und soziale Konsequenzen häufig aus der gesellschaftlichen Diskussion ausgeklammert werden. Die Critical Whiteness Studies sind zwar in Deutschland erst seit Kurzem als akademisches Forschungsfeld akzeptiert und etabliert, gehen aber auf eine widerständige Praxis zurück, die so alt ist wie Weiße Vorherrschaft, denn eine kritische Auseinandersetzung mit Weißsein ist für People of Color im Weiß-dominierten Kontext eine Überlebensnotwendigkeit. In der kurzen Zeit ihrer akademischen Präsenz in Deutschland ist es im Rahmen der Critical Whiteness-Studies jedoch eindrucksvoll gelungen, die häufig unbewussten Dynamiken von Rassifizierung und Dominanz im deutschen Kontext bewusst zu machen, und kritisch zu analysieren. Akademische und künstlerische Praxis von People of Color geht jedoch über diese dekonstruktivistische Perspektive hinaus, und beleuchtet Widerstand, aber auch selbstbezogene Lebenspraxen jenseits Weißer Dominanz.

Was bedeutet es, in einem deutschen Kontext Person of Color zu sein? Was kann aus dem Spannungsfeld der sich ergänzenden Wissensfelder der kritischen Weißseins-Forschung und den vielfältigen Perspektiven of Color für politische und künstlerische Praxis im gegenwärtigen Deutschland gewonnen werden? Was sind die aktuellen Trends dieser Forschung und widerständiger künstlerischer Praxis?

Der Diskurs um Weißsein und Perspectives of Color wird auch im künstlerischen Feld immer noch weitestgehend ausgeblendet. Die Reflexion über und ein kritischer Umgang mit diesen Themen ist jedoch gerade für Kunstschaffende von großer Bedeutung, die häufig als Spiegel ihrer Gesellschaft funktionieren. Ein solides, theoretisches Fundament ist die Basis für eine ganzheitlich kritische, künstlerische Praxis. Heute mehr denn je spüren wir eine Dringlichkeit, das Gefälle zwischen den Befunden der postkolonialen Diskurse und dem Deutschen kulturellen Mainstream überbrücken zu müssen.“

Quelle: http://www.metanationale.org/index.php/repositionierung-de/8-repositionierung-de/4-repositionierung-critical-whitenessperspectives-of-color