Drag Subversion – Eine Einführung

NJan Schuster | Drag Subversion 2007

Drag
Was ist Drag – dressed as a girl, dressed as a guy? Wer zieht sich da wie wer an? Ist Drag, wenn sich eine als Mädchen geborene Person als Junge ver/kleidet, und umgekehrt? Geschieht Drag jeden Tag, wenn sich jemand vor dem eigenen Kleider­schrank und in Umkleidekabinen von Kaufhäusern für bestimmte Kleidungsstücke entscheidet, und gegen andere? Können wir uns umentscheiden, wenn wir uns ein­mal entschieden haben? Zumindest haben wir jeden Tag die zwei Möglichkeiten: Junge oder Mädchen. Gibt es nur diese zwei Möglichkeiten? Gehen wir jeden Tag »in Drag« und merken das gar nicht mehr?

[Aber zunächst ein paar Erklärungen:
queer
queer heißt wörtlich übersetzt „blümerant, eigenartig, homosexuell, komisch, schwul, seltsam, sonderbar, suspekt, verdächtig, verrückt, verschroben, wunderlich, zweifelhaft“. Wird als Überbegriff für Menschen verwendet, die von der heteronormativen Ordnung abweichen (wollen) und irrtümlicherweise oft als Synonym für Schwule und Lesben verwendet.

Gender
Gender bezeichnet das Geschlecht, in dem jemand lebt. Es bezieht sich nicht auf die Genitalien oder andere biologische Merkmale, sondern er- bzw. umfasst die soziale Rolle.

TransGender
Überbegriff über alle Phänomene, bei denen Geschlechtergrenzen überschritten werden. Viele Personen, die sich nicht in eine Kategorie einordnen wollen / können, bezeichnen sich selbst auch gerne als TransGender. ]

Drag ist Teil queerer und transgender Subkultur, die geprägt wird von Men­schen, die die zweigeschlechtliche, heteronormative Strukturierung der Gesellschaft kritisieren und nicht­heteronormative Lebensformen leben. In diesem subkultu­rellen Zusammenhang verstehe ich Drag in einem erweiterten Sinn, der versucht, Geschlecht und Sexualität dekonstruierend mitzudenken. Da Geschlecht nicht unabhängig von sexueller Orientierung betrachtet werden kann, spielt sexuelles Be­gehren im Zusammenhang mit Drag eine wichtige Rolle. Drag kann losgelöst von der ursprünglich sozialisierten Geschlechtszugehörigkeit stattfinden. Drag kann auch bedeuten, affirmativ, also ausdrücklich, ein Geschlecht zu verkörpern, das zu der eigenen sozialisierten Geschlechtszugehörigkeit der Norm entsprechend passt, oder absichtsvoll uneindeutige Assoziationen zu Geschlechts­ und Sexualitätszugehörig­keit herzustellen. Bei Drag geht es meiner Auffassung nach nicht darum, die hinter dem System der Zweigeschlechtlichkeit verborgene heterosexuelle Norm der be­
stehenden Gesellschaft zu bestätigen, sondern Praktiken zu leben, die sich jenseits dieser Norm ansiedeln. Es geht auch um ein Ausloten von Weiblichkeit und Männ­lichkeit, um ein Spiel mit Kategorien mit dem Ziel, sie aufzulösen, und nicht um neue Festschreibungen von Geschlechtszugehörigkeiten innerhalb der heterosexuellen Matrix. Und Drag ist natürlich mehr als das Kleiden allein. Hier geht es um ganze Verkörperungspraktiken, die Mimik und Gestik sowie die Art sich zu bewegen und zu sprechen usw. mit einschließen. […]

Wie werden soziale Bedingungen verkörpert?
Das Wort »verkörpern« bezieht sich auf die soziologische Perspektive von Pierre Bourdieu, der davon ausgeht, dass sich soziale Bedingungen in die Körper der Menschen einschreiben und die Menschen sich zugleich aktiv ihre Position innerhalb sozialer Bedingungen aneignen. Ein Mann wird nicht als Mann geboren, eine alte Frau wird nicht als alte Frau geboren, sie werden im Laufe ihres Lebens dazu. Was sie verkörpern und wie sie dies tun, ist im Sinne von Judith Butler eine Darstellung, eine Performanz. Das englische »to perform« bezieht sich unter anderem auf die (wiederhol­bare) Darstellung auf einer Bühne. Queere Theoretiker_innen wie Judith Butler be­haupten, dass sich hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität gar keine ge­schlechtlich bedingte Identität verbirgt. Stattdessen wird diese Identität performativ durch die Äußerungen hergestellt, die angeblich ihr Resultat sind. Die Performativität ist kein einmaliger Akt: Sie ist immer die Wiederholung einer oder mehrerer Normen. Dadurch, dass diese alltägliche Wiederholung von Normen einer Handlung ähnelt, werden die Konventionen, die wiederholt werden, verschleiert oder verborgen. Für Butler ist die Annahme eines Geschlechts, also das Frauwerden oder Mannwerden, eine phantasmatische. Im Klartext: Es gibt keine angeborene oder »echte« Weib­lichkeit oder Männlichkeit, es gibt nur die durch heterosexuelle Lebensformen fest geprägten Normen, die sich in die Körper einschreiben. Das Frauwerden oder Mann­werden ist eine Imitation ohne Original. Und für jede und jeden wird entschieden: Are you a boy or a girl? Indem die zwei Geschlechter immer wieder neu produziert werden, wird auch Zweigeschlechtlichkeit und – damit zusammenhängend – Hetero­sexualität als Norm immer wieder neu hergestellt. Die Norm der Zweigeschlechtlich­keit wird ständig stabilisiert. Endlos viele Kopien werden täglich hergestellt, doch niemandem ist klar, dass es Kopien ohne Original sind. Wahrscheinlich verkörpert niemand ausschließlich weibliche bzw. männliche Persönlichkeitsanteile. Es bleibt die Frage: Was ist Weiblichkeit, was Männlichkeit? Welche heteronormativen Prä­gungen stecken in den Normen von Weiblichkeit und Männlichkeit? […]

Zweigeschlechtliche Welt – war das nicht gut?
Die meisten Menschen in der westlich geprägten Welt unterscheiden im Alltag zwischen Männern und Frauen. Das wäre in dieser Form kein Problem, jedoch: jedem Menschen wird wir selbstverständlich ein einziges der zwei Geschlechter zugeordnet, bevor das kleine Wesen, das es ist, sich wehren kann. Diese beiden Geschlechter sind auf einer heterosexuellen Matrix verortet und für die Umgebung ist es unglaublich wichtig, das Geschlecht eines Menschen zu wissen. Mehrere Aspekte sind an der zweigeschlechtlichen Sortierung der Welt problematisch:

1. Viele Menschen werden ohne eindeutiges Geschlecht geboren und durch medizinische Eingriffe zwangsweise einem der zwei Geschlechter zugewiesen.
2. Viele Menschen, die sich selbst als „queer“ wahrnehmen, die vielleicht mit einem als eindeutig eingestuften Geschlecht geboren und entsprechend sozialisiert wurden, fühlen, denken, leben dennoch als als ihr „gender“ es ihnen vorgibt und dies betrifft sowohl ihre Geschlechtsidentität, als auch ihr sexuelles Begehren.
3. Die zwei Geschlechter, die in unserer Gesellschaft vorgesehen sind, werden leider keineswegs als gleichwertig und gleichberechtigt betrachtet, sondern in Hierarchien angeordnet. Dabei spielen Machtverhältnisse und Herrschaft eine wichtige Rolle und letztlich geht es um die Frage des Raums, den eine Person einnehmen darf, und um die Frage ihrer Möglichkeiten: Dem männlich sozialisierten Teil der Menschen wird gesamtgesellschaftlich mehr Raum zugestanden als dem weiblichen. Männer bekommen die gesellschaftlich höher angesehenen Positionen zugewiesen. Das ist eine alte feministische Erkenntnis.

Außerdem wird selbstverständlich von Heterosexualität ausgegangen (siehe auch Problem 2). Bei diesem Vorgehen werden beiden, Frauen wie Männern, Möglichkeiten das Da-Seins gestohlen, wenn sie ihr jeweiliges Geschlecht zu verkörpern beginnen. Viele Formen des Seins werden ihnen nicht zugestanden. Manche Eigenschaften und Fähigkeiten gelten als männlich, manche als weiblich. Das ist auch heute noch so und ist übertragbar auf alle anderen Einteilungen bzw. Kategorisierungen, die in dieser Gesellschaft getroffen werden. Nicht nur die Einteilungen selbst sind also das Problem, sondern auch die darin eingebauten Hierarchien und Ausschlüsse.

Wie funktioniert Drag in diesem Zusammenhang?
Wird Drag erst einmal verstanden als das Tragen von Kleidung und Dekor des anderen der zwei gedachten Geschlechter, kann es als Anfangspunkt funktionie­ren, um Geschlechterverhältnisse und Sexualitätsordnungen in (Theater­)Praktiken zu reflektieren. Indem dabei nicht nur mit den Gewändern und Farbpinseln expe­rimentiert wird, sondern fast automatisch auch Gestiken, Mimiken und Körperhal­tungen, Sprechweisen, Kommunikation und Interaktionen spielerisch ausprobiert werden, geschieht etwas, das im Theater alltäglich ist: Es wird versucht, etwas oder jemanden zu verkörpern. Dass dieses Verkörpern eine ungleich beeindruckendere und prägendere Er­fahrung ist als das theoretische Sprechen über Zweigeschlechtlichkeit und Macht­gefälle, lässt sich in jedem queeren Theaterkurs nachvollziehen. Hier geschieht in bewusster Form, was im Alltag nicht mehr bewusst ist: Wir verkörpern jemanden und etwas. Soziale Eigenschaften, auch zugeschriebene und unbewusste, die oft in den Körper eingeschrieben sind, werden ins Bewusstsein befördert, wenn sie ausdrücklich verkörpert werden.
Und warum ist die Abschaffung der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit ein Ziel, dem mit Drag ein Stück näher zu kommen ist? Drag ist in diesem Zusammenhang eine Möglichkeit, über Verkleidung und Show, ob im Alltag oder auf der Bühne, Verwirrung zu stiften: Ich kann bewusst versuchen, Dinge zu verkörpern, die mir bisher nicht auf den Leib geschrieben waren. Der Clou ist, dass ich dabei aber nicht ganz aufhöre, auch die Person zu verkörpern, die ich vorher verkörpert habe, und so ergibt sich ein Mix aus Altem und Neuem. Es entstehen neue Plätze, neue Sprechpositionen, sowohl auf der Bühne als auch im Publikum. Die Verhältnisse kommen in Bewegung.
Viele werden breitbeiniges Sitzen in der Öffentlichkeit als Beispiel kenne, das nur einem bestimmten der beiden Geschlter zugestanden wird, das ganz selbstverständlich fast zwei Plätze einnimmt. Überschlagene Beine gelten als Beispiel für eine dem anderen Geschlecht zugewiesene Körperhaltung . Sie signalisiert: Mir genügt auch ein halber Platz. Die Liste der Beispiele solcher absurder Zuschreibungen, an denen sich ganze Welten von Menschen verbissen festhalten, ist lang: von Stimmlagen und Sprechlautstärke über Stoffdicke, Strumpfhosen- und Lippenstiftfarbe, die Form der Schuhe bis zu Haarfrisuren und der Art zu stehen, gehen, zu lachen, zu tanzen – viele Dinge und Seinsformen haben einen festen, automatisierten Platz in der Welt der zwei Geschlechter. Oft sind die Unterschiede zwischen den beiden Möglichkeiten sehr subtil, was sich leicht feststellen lässt, wenn es zum Jeanskauf oder zur T-Shirtwahl geht – und beides ist angeblich „unisex“. Wer die Codes nicht kennt, greift schnell dnaeben. Komischerweise kennen die meisten die Codes. Nichts wurde spätestens zu Teenagerzeiten so straff gepaukt wie diese.
Diese Codes werden nur von denjenigen als ausdrücklich störend bemerkt und in Frage gestellt und umcodiert, die einen anderen Platz als den zugewiesenen wollen. Doch die Plätze in unserer Gesellschaft sind durchnummeriert – manche sind begehrter als andere, und nicht jede_r darf jeden Platz einnehmen. Um diese Plätze herrscht ein unaufhörliches Gerangel – es geht um Geld, Ansehen, Reproduktionsarbeit und Erwerbsarbeitsplätze, Macht und Einfluss. Die in die Geschlechter- und Sexualitätsverhältnisse eingelassenen Hierarchien sind ein zementharter Grund dieser Platzstreitereien. Gerade deswegen ist es so wichtig, die herkömmliche, überkommene latzzuweisung über ein Infragestellen von Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität zu kritisieren und zu sabotieren. Und das geht mit Drag, zumindest ein Stück weit.
In Drag, und hier komme ich zu dem zu Anfang bereits erwähnten erweiterten Begriff von Drag, der variantenreicher und komplexer als „dressed as a guy“ ist, kann ich die Ambivalenz, die ich immer wieder spüre, ausleben. Ich muss nicht ankreuzen: w oder m. Ich mich keiner Seite zuschlagen. Ich darf männliche wie weibliche Anteile meiner Person leben. Auch gleichzeitig, unsortiert. Ich trage Anzug und Spitzenunterkleid. Federboa, Bart und Nagellack. Krawatte und hochhackige Schuhe. Bewege mich im langen Schwarzen grobschlächtig.

Das Problem der binär sortierten Sprache
Meine Sprache und mein Denken scheitern, während ich versuche, Drag-Praktiken zu beschreiben. Ich verheddere mich in der ewigen Zweiheit, diesem ständigen Schwarz-Weiß, männlich oder weiblich. Ich bin nicht die Erste, die feststellt, dass die Sprache das widerspiegelt, was sie beschreibt. Das wird auch in diesem Text dort deutlich, wo ich versuche, Praktiken zu beschreiben, die versuchen, sich den binären Codes zu entziehen und sie doch wieder als männlich und weiblich benenne. Diese Praktiken sind womöglich selbst darauf angewiesen, sich mit dem vorhandenen Material auseinanderzusetzen. Das bedeutet, dass auch, wenn ich behaupte, die entgegengesetzte Wortpaare sagten mir nichts mehr, ich sie dennoch verwende. Ich bewege mich in der gegebenen Welt, nicht in meinem Traum. Diese Welt erinnert die Gegensatzpaare sehr gena und beharrt auf diesen Gegensätzen.
Wenn aber die Sprache unzulänglich wird? Sie nicht mehr genügt, um widerzuspiegeln, was sie beschreibt? Neue Praktiken benötigen neue Sprachen. Wir sprechen, praktizieren, erfinden diese Sprachen, wenn wir Realitäten leben, die jenseits heteronormativer Vorstellungen liegen. Queere Formen des Erlebens und des sozialen Miteinanders entwickeln sich aus dem Bestehenden heraus, in ständiger Auseinandersetzung mit dem Bestehenden. Wenn wir anderes verkörpern als das, was bisher verkörpert wurde, geschieht das erst mal in nicht-sprachlicher Form. Deswegen finde ich es so wichtig zu betonen, dass Drag Potenzial hat, die ewigen Wiederholungen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit zu durchbrechen, sie zu verfremden und humorvolle Irritation hervorzurufen. Irritation ist ein erstes Moment und kann vorherige Erwartungen und Selbstverständlichkeiten verunsichern. Irritation deutet auf Bewegung hin, auf Verschiebung. Bedeutsam ist, dass wir die bestehenden, viel gerühmten Vielzüngigkeiten wahrnehmen und wertschätzen, die das Denken in Zweiheiten überschreiten.
Hinter all dem steht die Vorstellung, dass Menschen viele Möglichkeiten haben, sich auszudrücken und Raum einzunehmen. Diese Möglichkeiten werden dadurch beengt und eingeschränkt, dass sie von Geburt an, oft genug zwangsweise, einem Geschlecht, das in eine heteronormative Matrix einsortiert ist, zugeordnet werden. Plätze werden klar zugewiesen, Platztausch erweist sich als schwierig. Drag hat das Potenzial, diese Einschränkungen zu durchqueren und zu überschreiten. Das Dazwischen kann bespielt werden, kann sich entfalten und neue alte Realität sichtbar machen. Ich finde das schön. Und vielleicht gibt es dann irgendwann ein neues Theater mit freier Sitzplatzwahl. Ohne feste Bestuhlung. Zum Tanzen.

Literatur:
Thilmann, Pia, Witte, Tania & Rewald, Ben (Hg.): Drag Kings – Mit Bartkleber gegen das Patriarchat. Berlin 2007.
Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/Main 1996.
Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main 1991.
Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Frankfurt/Main 1997.
Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1): Frankfurt/Main 1999.
Nestle, Joan, Howell, Clare & Wilchins, Riki (eds.).: GenderQueer: Voices from Bexond the Sexual Binary. Los Angeles u.a. 2002.