Wie schreibe ich Gefangenen?

Das Schrei­ben von Brie­fen ist eine Waffe…

… gegen Ver­ein­zelung, Ver­ein­sa­mung, Sta­gna­ti­on, Re­si­gna­ti­on und Iso­la­ti­on.
… gegen die auf Zer­stö­rung an­ge­leg­te Natur des Knast­sy­tems.
… gegen die Kon­trol­le des Le­bens durch das Knast­re­gime.

noprison

Für In­haf­tier­te zählt der Er­halt von Brie­fen zu den we­ni­gen Licht­bli­cken im all­täg­li­chen Grau des vor-​sich-​hin-​le­bens in der An­stalt. Hin­ter den Mau­ern mit Sta­chel­draht, Wach­tür­men und be­waff­ne­ten Schlie­ßern gibt es kaum mensch­li­che Nähe und Ge­füh­le, son­dern Un­ter­ord­nung und der täg­li­che Kampf ums Über­le­ben. Aber das Schrei­ben ist eine Mög­lich­keit diese Mau­ern der Pas­si­vi­tät, Kälte und Iso­la­ti­on zu durch­bre­chen. Es schafft eine Ab­wechs­lung und gibt die Mög­lich­keit die ei­ge­nen Ge­dan­ken zu er­wei­tern.

Die Ge­fan­ge­nen sol­len ge­bro­chen wer­den, indem ihnen jeg­li­che Emo­tio­nen, Ge­füh­le und mensch­li­che Nähe vor­ent­hal­ten wer­den. Der re­gel­mä­ßi­ge Kon­takt mit ihnen, sei es durch Brie­fe, Te­le­fo­na­te oder Be­su­che, ist das ein­zi­ge Mit­tel, die vom den Herr­schen­den be­foh­le­ne und von den Knast­wär­tern prak­ti­zier­te Kon­trol­le über das täg­li­che Leben zu durch­bre­chen.

Knäs­te sind nur die Spit­ze des Eis­ber­ges die­ses re­pres­si­ven Sys­tems, wel­ches von der Un­ter­drü­ckung und Aus­beu­tung der Men­schen lebt und diese zu gleich­för­mi­gen, emo­ti­ons­lo­sen Wesen for­mie­ren will. Viele die sich die­ser Logik nicht un­ter­wer­fen wol­len, wer­den zu Op­fern der Re­pres­si­on und Un­ter­drü­ckung und lan­den als letz­tes Zwangs­mit­tel im Knast.
In un­se­rem Kampf gegen die­ses Sys­tem dür­fen wir die Knäs­te und die­je­ni­gen, die wel­che darin vor sich da­hin­ve­ge­tie­ren nicht ver­ges­sen und sie nicht ihrem Schick­sal über­las­sen.

Wie fange ich an zu schrei­ben?

Für viele ist es un­ge­wöhn­lich frem­den Men­schen zu schrei­ben und von ihren Er­leb­nis­sen zu er­zäh­len. Sie wis­sen nicht, was sie schrei­ben sol­len und den­ken, dass sie mit dem, was sie aufs Pa­pier brin­gen, den Men­schen auf der an­de­ren Seite der Mau­ern de­pri­mie­ren könn­ten oder es ihn/_/sie gar nicht in­ter­es­siert. Um im so­ge­nann­ten Sinne „das Eis zu bre­chen“ ist es bes­ser den ers­ten Brief eher kurz zu hal­ten und nur die nö­tigs­ten Sa­chen zu schrei­ben, damit der/_/die Emp­fän­ger_in nicht gleich über­rum­pelt wird.

Schrei­be ein paar Worte über dich und zu dei­ner Mo­ti­va­ti­on des Schrei­bens. Falls du es als not­wen­dig er­ach­test, schrei­be wel­cher Grup­pe/Or­ga­ni­sa­ti­on du an­ge­hörst. Aber be­den­ke, dass die Brie­fe nicht nur von dir und dem/_/der Ge­fan­ge­nen ge­le­sen wer­den.
Achte dar­auf nichts zu schrei­ben was den/die Ge­fan­ge­ne/n in Schwie­rig­kei­ten mit dem Knast brin­gen kann.

Jede Haft­an­stalt hat ei­ge­ne Re­ge­lun­gen für den Brief­ver­kehr, teil­wei­se gibt es Be­gren­zun­gen für die An­zahl der Sei­ten und/oder Bei­la­gen usw. In­for­mie­re dich, ob die An­zahl der Brie­fe/Post­kar­ten, die Ge­fan­ge­ne er­hal­ten und schrei­ben kön­nen be­grenzt ist und ob es er­laubt ist Brief­mar­ken/Brief­um­schlä­ge bei zu­le­gen.
In­for­ma­tio­nen über die je­wei­li­gen Re­ge­lun­gen fin­dest du meist auf der Web­site der Knäs­te, auch kann ein Anruf vor Ort wei­ter­hel­fen.

Bei Ge­fan­ge­nen in Un­ter­su­chungs­haft wer­den mit sehr hoher Wahr­schein­lich­keit die Brie­fe/Post­kar­ten von der Staats­an­walt­schaft ge­le­sen. In der Straf­haft ist dies nicht der Stan­dart. Bei re­ni­ten­ten In­haf­tier­ten ist dies hin­ge­gen aber eher die Regel als die Aus­nah­me, sowie das Ver­schwin­den­las­sen von Brie­fen.

Num­me­rie­re die ein­zel­nen Sei­ten dei­nes Brie­fes um vor­zu­beu­gen, dass ein­zel­ne Sei­ten „ver­lo­ren“ gehen. Auch ist es sinn­voll die Brie­fe fort­lau­fend zu num­me­rie­ren und immer das ak­tu­el­le Datum rein­zu­schrei­ben. Dies hilft dabei zu er­ken­nen, ob der Brief auf­ge­hal­ten und die Aus­lie­fe­rung ver­zö­gert wurde. Liste au­ßer­dem alle Bei­la­gen, wie Brief­mar­ken, Bro­schü­ren, Zei­tungs­aus­schnit­te o.ä. auf, denn auch sol­che Dinge ver­schwin­den gerne mal.
Ver­giss nicht auf den Brief­um­schlag deine Ab­sen­dea­dres­se drauf­zu­schrei­ben.

Brie­fe wer­den re­gel­mä­ßig von den staat­li­chen Über­wa­chungs-​ und Re­pres­si­ons­or­ga­nen auf­ge­hal­ten, ge­le­sen, ver­zö­gert oder gar „ver­legt“. Eine Mög­lich­keit, mit der ein Ver­schwin­den von Brie­fen bis zu einem Groß­teil un­ter­bun­den wer­den kann, ist der Ver­sand per Ein­schrei­ben. Die Post no­tiert ob und wann sie den Brief der JVA über­ge­ben hat. Somit ist im Fall des Fal­les nach­prüf­bar, auf wel­chem We­g­ab­schnitt er „ver­schwand“. Aber eine hun­dert­pro­zen­ti­ge Si­cher­heit gibt es auch dafür nicht.

Als letz­tes wol­len wir noch er­wäh­nen, das es noch viele an­de­re Mög­lich­kei­ten gibt, um Ge­fan­ge­nen ge­gen­über so­li­da­risch zu sein und der Ab­leh­nung von Knas­t­an­stal­ten Aus­druck zu ver­lei­hen.

An­ar­chist Black Cross Ber­lin
c/o M99 – 1. Stock
Man­teu­f­fel­stras­se 99
10997 Ber­lin

www.​abc-​ber­lin.​net
mail@​abc-​ber­lin.​net